Bulimie #1 | free your move
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Bulimie #1

Von nichts kommt nichts. Ich bin nicht in ein tiefes Verständnis für menschliche Probleme und ein feines Gespür für Bedürfnisse und Schwierigkeiten gekommen, weil mein Leben immer sonnig und leicht war, im Gegenteil.

Ich war jahrzehntelang immens mit einer Essstörung beschäftigt. Wirklich beschäftigt, denn eine Essstörung ist auch Beschäftigung, wenn alles andere wegfällt.

Wenn alles andere wegfällt und nichts bleibt außer der Stille, der Leere…aktuell ein großes Thema. Möglicherweise beginne ich auch aus diesem Grund jetzt darüber zu schreiben.

Wir gehen gerade durch eine Zeit, in der viele Menschen sich selbst nicht auskommen und sich (zwangsläufig) in der Stille begegnen (müssen). Nun, Netflix und Co funktionieren zwar, aber dennoch, wer mutig ist fängt an zu hören, was innen flüstert…

Ich denke oft daran, wie es mir gehen würde, wenn ich noch mitten in der Bulimie stecken würde, wenn ich keine Möglichkeit hätte mich abzulenken, nicht ins Fitnesscenter gehen könnte, nicht ausgehen könnte, um mir Bestätigung durch Flirts in Discos zu holen oder Sonstiges. Wenn alles, was bliebe, der geöffnete Supermarkt ist, in dem Freund und Feind zu holen ist. Ganz leicht, ohne sich verstecken zu müssen, einfach Unmengen Essen kaufen und sich damit zu Hause einigeln und vollstopfen, nur um es auf schmerzhafte Art und Weise wieder loszuwerden.

Ich denke oft an all die betroffenen Frauen, Mädchen und mittlerweile auch Jungen, die sich selbst nicht auskommen und vor lauter Verzweiflung vielleicht auch an andere Lösungen als Erbrechen denken…ja, auch Suizid ist ein großes Thema, vor allem unter BulimikerInnen.

Ich fühle mich gesegnet, jetzt gerade zu Hause mit meinen beiden Töchtern und meinem Partner zu sein, mich um den Haushalt zu kümmern, ab und zu Yoga machen zu können, auch tanzen, und immer wieder mal spazieren zu gehen. Wenn ich ganz still bin und innehalte verspüre ich eine unglaublich große Dankbarkeit, dass ich das erleben darf, denn vor ungefähr 15 Jahren war Suizid auch für mich ein großes Thema. Nach jahrelangen Therapien, zwei Geburten, einigen mißglückten Partnerschaften (ich war von Anfang an Alleinerziehend, der Vater meiner Töchter und ich stehen uns zwar nahe, aber nicht als Paar, das hat einfach nicht geklappt) und etlichen Wohnungswechseln, immer mit der Hoffnung, es würde nächstes Mal besser, nebenbei arbeiten, für meine Kinder sorgen und meine persönlichen Interessen entwickeln war ich nichtsdestotrotz immer wieder dem Abgrund nahe. Ich hab mich so derartig verausgabt, dass diese Suizidgedanken ein sicherer Hafen waren, so paradox das auch klingen mag. Die Bulimie selbst war natürlich stetige Begleiterin, fast wie eine enge Vertraute, eine Freundin, gleichwohl gehasst und geliebt. Ich dachte immer, wenn ich nur so und so viel Gewicht hätte und den und den Partner sowie den und den Job hätte würde alles besser.

Ich hab mittlerweile den Partner, den ich mir ersehnt habe, einen Job, der mich glücklich macht und mein Körpergewicht ist mir meistens egal. Und dennoch komme ich nicht drumherum mir in der Stille selbst zu begegnen. Der wesentliche Unterschied ist allerdings, dass ich begonnen habe sie anzunehmen und hinter die Leere, die dann oft entsteht, zu blicken. Hinter dieser Leere steht eine unglaubliche Kraft und ein nahezu unstillbarer Hunger aufs Leben, auf Lebendigkeit, auf Freiheit.

Damit bin ich nicht allein. Viele BulimikerInnen haben diesen Hunger aufs Leben und eine unbändige Kraft. So seltsam das auch klingen mag, wer sich selbst derartig kasteit und bestraft, verletzt und kontrolliert, der ist wirklich stark. Nur hat die Stärke oft keine andere Ausdrucksmöglichkeit als die Kontrolle über den eigenen Körper (warum und wieso und woher das kommt werd ich in einem anderen Text formulieren).

Ich weiß, was ich erreichen kann und wohin mich meine Kraft bringt. Die Kunst ist, sie sich einzuteilen, sie nicht zu verschleudern und sich nicht zu verausgaben. Es ist ein langer Weg, der viele Verirrungen birgt, aber ich weiß, dass jeder Schritt wertvoll ist.

Ich weiß, dass ich all diese Erfahrungen nicht umsonst gemacht habe. Ich weiß noch nicht, wohin mich dieser Weg führt, aber ich weiß, dass ich darüber erzählen möchte, was ich erlebt habe, was ich gedacht, gefühlt, gehofft, gefürchtet habe. Ich möchte auch davon berichten, was mir geholfen hat und immer noch hilft, was mich am Leben hält und vor allem, wie ich meine Kraft anders einsetzen kann als über der Kloschüssel.

Ich denke an euch, ihr starken, schönen Mädchen, Frauen, Jungen, Männer. Ich sehe eure Kraft, eure Angst, eure Verwirrung, euren Schein, eure Liebe, eure Angst. Es ist auch meine.

Seid gesegnet, all ihr fühlenden Wesen, Ela