Bulimie #2 | free your move
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Bulimie #2

Ich möchte vorweg stellen, dass die Erlebnisse, die ich erzähle, meine sind. Ich beanspruche keine allgemeine Gültigkeit. Ich widme meine Erzählungen dennoch allen Betroffenen jeglicher Essstörung und/oder Suizidgefährdung.

Begonnen hat sie bei mir mit etwa 18 Jahren, während der Vorbereitung auf meine AHS – Matura.

„Klassisch“, wie sogenannte „Fachberichte“ sagen würden, mit einer „Magersuchtseingangsphase“. Wenig, sehr ausgewählt und kontrolliert essen, viel Bewegung, Konzentration auf das Körpergewicht und Kalorien. Von ca 65kg auf etwa 53kg bei einer Größe von 1,75m, 3 bis 4 Stunden Sport täglich, kasteien und erst nach erbrachter Leistung Essen, quasi als Belohnung.

Zu dieser Zeit war das praktisch, denn als ich mit der AHS fertig war, war nicht nur die Schule zu Ende, sondern vor allem ich. Dank dem Beschäftigen mit meinem Körper bzw. der Kontrolle über ihn konnte ich meine Tage füllen und der gähnenden Leere in meinem Alltag und meiner Seele entfliehen.

Die Schule war für mich von Anfang ein Horror. Bereits in der Vorschule konnte ich einfach nicht verstehen, warum ich denn so zu sein hätte wie die Lehrerin wollte. Daraufhin hat mir selbige mit Tixo den Mund zugeklebt. Ein starkes Zeichen. Die Volksschule war turbulent, voller Raufereien und kam mir ewig lang vor. Die Gymnasiumzeit war geprägt von Lehrern, die meinten, ich wäre zu dumm (für die Mathematik), Mitschülern, denen ich nicht passte (heute würde man das Mobbing nennen) und überschaubaren Freunden. Mit etwa 14 Jahren hab ich begonnen diese Außenseiterposition auszureizen. Ich hab mich gegen alles aufgelehnt, war rotzfrech und hatte endlich einen Freundeskreis, in dem ich zwar auch nie ganz dabei war, aber immerhin sein konnte wie ich war. Allerdings nahm auch das ein dramatisches Ende, als mich eine ehemalige Freundin aus Eifersucht beim Klassenvorstand und Direktor angeschwärzt hatte, Drogen zu nehmen. Dann hatte ich kein Mobbing seitens der Mitschüler, sondern der gesamten Lehrerschaft. Ich glaube, diese Situation hat mich damals endgültig gebrochen. Mit 15, 16 Jahren konfrontiert zu sein damit, dass Lehrer die Straßenseite wechseln, wenn sie einen sehen, Noten geben, die jenseits von fair liegen, aus dem Unterricht holen um die Schultasche zu kontrollieren, erklären „an unserer Schule gibt es so etwas nicht“, Psychotherapie empfehlen und mit dem Therapeuten in Kontakt stehen – das war einfach zu viel. Meine damaligen Freunde durfte ich auch nicht mehr sehen geschweige denn fortgehen. Wobei ich das sogar verstehen konnte, meine Eltern hatten Angst um mich. Dass ich damals dennoch an dieser Schule geblieben bin hatte schlicht den Grund, dass ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte.

Die letzten zwei Schuljahre war ich dann eine „gute“ Schülerin. So gut, dass man mir bei der Matura Feier sogar gratulierte, wie gut ich mich entwickelt hätte (….)  Lediglich mein Klassenvorstand, der mich vor der Matura in einem Gespräch um Verzeihung für die oben geschilderten Ereignisse gebeten hat, drückte mir wortlos einen Zettel in die Hand mit der Telefonnummer von einem Essstörungsinstitut. Sie dürfte wohl etwas bemerkt haben.

Nachdem ich mich endlich angepasst hatte, war die Schulzeit zu Ende. Ich hatte absolut keinen Plan, was ich machen sollte geschweige denn wollte. Das geht vielen Maturanten so, denn dieses System bereitet einen nur augenscheinlich auf Selbständigkeit vor. Man wird gedrillt zu funktionieren, auch „vorbereitend auf die Arbeitswelt“. Anpassen, Leistung bringen, nicht hinterfragen, tun. Mag sein, dass viele das anders sehen bzw. damit zurecht kommen, ich konnte (und kann) es nicht.

Was mir niemand nehmen konnte war die Kontrolle über meinen eigenen Körper. Natürlich hatte das vornehmlich familiäre Gründe (dazu ein anderes Mal), aber die Schulzeit hat maßgeblich zur Bulimie beigetragen. Ich fand so vieles „zum Kotzen“ und durfte es nicht sagen. Wenn man „anders“ ist, andere Ideen, Wünsche, Vortstellungen, Wahrnehmungen hat und nicht passt, wird man entweder „ausgespuckt“ oder so lange bearbeitet, bis man passt. Natürlich entwickelt sich nicht bei jedem, der Schulprobleme hat, eine Essstörung oder Suizidgefahr, aber die Tendenzen dahin gibt es, nach wie vor, und meine Schulzeit liegt knapp 20 Jahre zurück. So paradox das klingen mag, aber meinem Körper meinen Willen aufzwingen und mich gegen meine Bedürfnisse stellen hat mir unglaublich viel Kraft gegeben. Ich wusste, wozu ich fähig war, dass ich stundenlang hungern konnte, trotz knurrendem Magen und viel Sport, dass ich verzichten konnte auf Nahrungsmittel, die mir zu hochkalorisch erschienen, dass ich mich hinwegsetzen konnte über Menschlichkeit. Das hat mir gehört, da konnte sich keiner einmischen, da war ich stark und hab jeden belächelt, der meinte, ich wäre zu dünn. Im Gegenteil, das hat mich nur mehr angespornt.

Wie schutzlos, verzweifelt und allein ich damals war.