Bulimie #3 | free your move
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Bulimie #3

Ich teile meine Erfahrungen aus meinen frühen 20iger Jahren.

„Dem Alkoholiker nimmt man die Droge weg, die Essgestörten müssen lernen, mit der Droge umzugehen“

Essen als Droge beschränkt sich nicht nur auf Essstörungen. Dass Zucker, Fett, Geschmacksverstärker und andere (Zusatz-) Stoffe abhängig machen (können), ist bekannt. Nur geht es bei der Bulimie nicht um diese Form der Abhängigkeit, da unter „normalen“ Bedingungen ja eher Gesundes gegessen wird.  Es verläuft in etwa so (ich verzichte hier bewusst auf stilistische Regeln, ich beschreibe es so gut wie möglich, wie es sich für mich angefühlt hat):

Entweder hast du einen harten Arbeitstag hinter dir, bei dem du mehr als 120% gegeben hast. Oder einen freien Tag, an dem du eigentlich müde bist, darfst dich aber wegen dem unpackbaren, selbst auferlegten Leistungsdruck nicht hinlegen oder ausruhen. Oder eine Auseinandersetzung mit einem Kollegen, Familienmitglied, Partner, Freundin. Oder warst in irgendeiner Hinsicht in deinem überperfektionistischen Ansprüchen sonstwie nicht gut genug. Hunger oder nicht, meistens weißt du eh nicht, wann du Hunger hast, weil der ist so gut wie abtrainiert. Essen unterliegt einem Plan, keinem Hunger.

Also gut, mal ein Müsli oder Gemüse. Halbwegs bewusst gegessen. Das Herz fängt an zu klopfen, der Puls wird schneller, im Kopf wirds irgendwie eng, der Atem beschleunigt sich, der Blick wird starr, und dann setzt das Denken aus. Es gibt nur mehr eins. Essen. Essen, was sonst nicht sein darf. Essen, was verboten ist. Essen, was viel Kalorien hat, billig ist, viel Zucker und Fett. Nach Möglichkeit auch Essen, das „dann“ nicht so weh tut. Das weiß man mit einiger Erfahrung schon. Ab zum Supermarkt, einkaufen, wie im Rausch. So tun, als ob das alles ganz normal wäre. Total aufgeregt Unmengen einkaufen. Hoffentlich seh ich niemanden, den ich kenn. Heimlich, heimlich, schnell, schnell heim. Ab auf die Couch, oder noch besser, ins Bett, Fernseher an, für die größtmögliche zusätzliche Ablenkung, und los gehts. Ein Packerl Butter mit Sandwich, Butterkäse, Eiaufstrich, Pudding, Chips, Vanillekrapfen, weiche Torten, Schokokekse, Semmeln, vielleicht noch mehr Krapfen. Zwischendurch Heulkrämpfe, wenn die Einsamkeit kommt, die sich hinter dem Ganzen verbirgt. Dann noch schnell etwas hinterher stopfen. Irgendwann gehts nicht mehr, dann gekrümmt und mit schmerzendem Magen ins Bad, viel warmes Wasser trinken. Und dann beginnt der schmerzvolle Prozess des Essens-wieder-los-werdens. Manchmal, vor allem bei so großen Mengen, speibt man sich eh schon automatisch an. Da aber alles raus MUSS (also, wirklich MUSS, sonst wird der restliche Tag ein Alptraum..ein noch schlimmerer), Finger rein. Einer? nein, zwei, drei, vier, manchmal auch die ganze Hand. Es tut weh, manchmal blutet der Rachen, manchmal der Hals, der Magen krümmt sich zusammen, aber alles, was reingestopft wurde, muss raus. Mehrmals warmes Wasser trinken, mehrmals der ganze Prozess. Zwischendurch auch da Heulkrämpfe, wenn sich das leise Bewusstsein einschaltet, was da gerade passiert und obwohl ich mir versprochen habe, dass das nie wieder vorkommt, mach ichs schon wieder. Ekel…steht oft in der „Fachliteratur“. Nein, währenddessen kein Ekel. Ekel vor dem Bauch, dem Hintern, jeder noch so kleinen Haut -und Fettfalte, ob sie da ist oder nicht. Ekel vor dem eigenen Spiegelbild, das einen verächtlich, leidend und widerwärtig anstarrt. Aber das Erbrechen… eher erleichternd. Und schmerzhaft. Und dann, wenn alles draußen ist, alles weggeputzt (soll ja niemand sehen), rast das Herz noch schneller, im Kopf surrts, eine dumpfe Leere erfüllt den Körper, es ist eiskalt, manchmal Zittern. Aber es ist vorbei. Für eine kurze Zeit keine Selbstzweifel, keine Angst, keine Probleme. Eine kurze Zeit Stille. Alles weggekotzt, was nicht gesagt wird, was nicht gesagt werden darf, was nicht gefühlt werden will. Alles verdrängt und weggespült. Um wieder lachend, scheinbar selbstbewusst und glücklich zu wirken. Bis der Perfektionismus wieder scheitert. Dann gehts von vorn los. Manche sterben an Magendurchbruch. Manche an anderem Suizid. Aber egal.

Und da ist sie wie eine Droge, diese Bulimie. Obwohl du weißt, dass sie dich umbringen kann, machst du weiter.